Vergeben ja, vergessen nie!

Éva Fahidi und Stadtallendorf

Dr. Jörg Probst . 17. September 2024

 

„Sie war die Seele unserer Erinnerungskultur“ – mit diesen Worten fasste die Stadt Stadtallendorf die große Bedeutung von Eva Fahidi für Stadtallendorf und die politische und kulturelle Entwicklung des Ortes zusammen. Eva Fahidi war als Zeitzeugin sehr oft zu Besuch in den Schulen von Stadtallendorf, um hier zusammen mit Schülerinnen und Schülern an den Holocaust zu erinnern. Unermüdlich war ihr Einsatz gegen das Vergessen. Dass sich Diktatur und Menschenverachtung niemals wiederholen dürfen und zu bekämpfen sind, war der Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Zwangsarbeiterin das größte Herzensanliegen. „Vergeben ja, vergessen nie“ – mit diesem Grundsatz wurde Eva Fahidi zur Begleiterin zahlloser Jugendlicher auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben.

Die Veranstaltungen des DIZ Stadtallendorf waren dabei nicht nur auf Schulklassen beschränkt. Durch Führungen in der Dauerausstellung des DIZ, zu Werksbunkern im ehemaligen Gelände der NS-Sprengstoffwerke Allendorf sowie zum KZ-Außenlager Münchmühle, durch Vorträge, Filme und Tanzvorführungen erreichte Eva Fahidi alle Altersschichten und Zielgruppen in Stadtallendorf. Mitbürgerinnen und Mitbürger, die heute selbst Familie haben, lernten als Schülerinnen und Schüler Eva Fahidi durch Begegnungen und der Schule kennen und suchten später als Erwachsene den Kontakt zu ihr bei den Veranstaltungen des DIZ. Dieser lebendige dauerhafte, intensive Kontakt mit allen Generationen von Stadtallendorf ließ die Auseinandersetzung mit der bewegten dramatischen Geschichte des Ortes für seine Bewohnerinnen und Bewohner zu einem unverzichtbaren prägenden Bestandteil ihres Lebens hier werden. Es ist diese Freundschaft der Stadt zu der Zeitzeugin, wegen der Stadtallendorf Eva Fahidi 2014 die Würde der Ehrenbürgerschaft verlieh.

Diese Freundschaft von Stadtallendorf zu Eva Fahidi begann 1990 mit einer Einladung der Stadt Eva Fahidi und die tausend Frauen von der Münchmühle als eine Geste der Wiedergutmachung. Bereits Jahre zuvor seit Anfang der 1980er Jahre hatten sich Schülerinnern und Schüler und der Leitung verdienstvoller Lehrerinnen und Lehrer der bis dahin weitgehend vergessenen Geschichte des Alltags im Nationalsozialismus im damaligen Allendorf im 2. Weltkrieg gewidmet. Die erschütternden Ergebnisse, die 1986 erstmals veröffentlicht wurden, brachten neben dem Leid tausender Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in dem damals größten Sprengstoffwerk Europas auch die Gründung eines KZ-Außenlagers Münchmühle bei Allendorf ans Licht. Bis dahin waren weder die genaue Zahl noch das Herkunftsland bekannt und niemand kannte die Namen und Einzelschicksale der tausend Frauen von der Münchmühle. Die Entdeckung bewirkte noch vor der Einweihung des DIZ Stadtallendorf 1994 die Gründung einer Gedenkstätte an der Münchmühle für die ungarischen Jüdinnen aus Auschwitz 1988. Die Entdeckung der Namen und die Grenzöffnungen nach dem Ende des Kalten Krieges 1989/90 ermöglichten schließlich auch die Suche nach noch Überlebenden in Ungarn. Es ist dieses Engagement der jungen Generation und das Zusammenwachsen Europas nach 1989/90, das die gemeinsame Erinnerung und die Freundschaft mit Eva Fahidi begründete.

Diese Freundschaft zu der Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Zwangsarbeiterin ist das Vermächtnis Eva Fahidis, das Stadtallendorf und das DIZ weitertragen. Erinnerung und Gedenken waren für Eva Fahidi mehr und anderes als nur Geschichtsunterricht. Vielmehr verbanden sich für sie mit dem Kampf gegen das Vergessen immer auch die Zukunft der Toleranz und des friedlichen Miteinanders. Diese Botschaft hat das Miteinander und die Selbstfindung von Stadtallendorf als demokratischen multikulturellen Ankunftsort nachhaltig geprägt. Erinnerung als Verantwortung für das, was einmal war, ist die Grundlage für gegenseitiges Vertrauen. Ohne dieses Vertrauen ist Zukunft nicht möglich. Vertrauen durch Erinnerung – diese Zukunftsversprechen ist das Vermächtnis  von Eva Fahidi, dem sich das DIZ Stadtallendorf verpflichtet fühlt.
 

Nachruf auf Éva Fahidi

Auschwitz-Überlebende und Bundesverdienstkreuz-Trägerin.
Ihr Vermächtnis wird im „Éva Fahidi-Dialog-Programm“ fortgesetzt.

Maren Schoening . 11. September 2023

 Heute ist Éva Fahidi gestorben. Sie hat Auschwitz und die Zwangsarbeit in Deutschland überlebt.

Wenn in unserer Gegenwart Formen des Antisemitismus und weitere Anleihen an die dunkelste Geschichte Deutschlands Eingang in den Alltag finden, dann ermahnt uns Fahidis Zeugnis von der Hölle auf Erden, dass Geschichte nicht vergeht.

Als die deutsche Wehrmacht und SS-Einheiten am 19. März 1944 Ungarn besetzen, war Éva Fahidi 18 Jahre alt. Unter der Regie des Leiters des Sondereinsatzkommandos, Adolf Eichmann, zwang Nazi-Deutschland die jüdische Bevölkerung auf dem Land und später auch in Budapest in Ghettos. Mit 151 Zügen wurden in wenigen Wochen rund 440.000 Ungarinnen und Ungarn aus den Ghettos nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Éva Fahidi war eine von ihnen. Ende April 1944 wurde auch Familie Fahidi zum Umzug in das Ghetto in der Serly Ziegelei in Debrecen gezwungen. Der Zug mit Éva und ihrer Familie verließ am 27. Juni die ostungarische Stadt. Nach einer mehrtägigen Fahrt im völlig überfüllten Viehwaggon, ohne Wasser und mit nur einem Eimer als Toilettenersatz, kamen die erschöpften Menschen am frühen Morgen des 1. Juli 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau an. Auf der Rampe führte die Selektion in den sofortigen Tod oder in die Zwangsarbeit, unter Inkaufnahme des Todes. Éva wurde als arbeitstauglich selektiert; ihre Eltern und ihre kleine Schwester zum Tod in die Gaskammern geschickt. Sie konnte ihre Erinnerungen an die Ankunft in der Todesfabrik erst viele Jahrzehnte später zu Papier bringen und schrieb: „In der Morgendämmerung des 1. Juli 1944 auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau war meine Jugend vorbei. Alles wurde mit einer Handbewegung zunichte gemacht, mit der Handbewegung, durch die Mengele mich auf die eine, meine Eltern und meine Schwester auf die andere Seite schickte.“

Die junge Frau wuchs zunächst im Kreis ihrer gut bürgerlichen Familie in der Nähe von Debrecen auf, hatte Deutsch und Französisch gelernt und wollte nach der Schule auf die Musikakademie wechseln. Sechs Wochen nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurde sie am 13. August 1944 erneut in ein Viehwaggon gesperrt, mit 999 anderen Frauen von Auschwitz-Birkenau in das Arbeitslager Münchmühle in Stadtallendorf in Hessen deportiert und zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik gezwungen. Als Außenlager des KZ Buchenwald dienten notdürftige Baracken mit Wachtürmen und Stacheldrahtzäunen den 1.000 Ungarinnen als Lager. Die Frauen mussten täglich bis zu 12 Stunden arbeiten und wurden zum Befüllen an den Bombenfüllstellen eingesetzt. Die Arbeit mit giftigen Chemikalien, ohne passende Schutzkleidung, mit Schikanen und Misshandlungen, Bunkerhaft zur Bestrafung und stundenlangen Appellen bei Wind und Wetter, zehrten an den Frauen. Am 27. März 1945 löste die SS das Lager vor den heranrückenden amerikanischen Truppen auf und zwang die Frauen auf einen Todesmarsch. Éva Fahidi konnte dem Treck entkommen, sich verstecken und so die wenigen Tage bis zur Ankunft der Amerikaner überleben.

In den letzten Jahren hat sich Éva Fahidi unermüdlich für den Dialog mit jungen Leuten eingesetzt. Um ihr Andenken und ihre Mahnungen zu erhalten, haben wir noch im Juni, in Abstimmung mit Éva Fahidi, das Éva-Fahidi-Dialog-Programm mit Stadtallendorf und Debrecen ins Leben gerufen. Als Initiatorin ist es mir wichtig, dass wir das Zeugnis von Éva bewahren, weitergeben und Rassismus und Antisemitismus bekämpfen.

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